Diese Diashow benötigt JavaScript.
Nach etwa fünf Wochen in der Schweiz ist mein Flugzeug vor ein paar Tagen wieder in Portugal gelandet und ich komme nun allmählich auch selber wieder an. Die Unterschiede und Gegensätze sind erstaunlich und es braucht Zeit zu verstehen, dass wir uns in der einen Welt befinden. Da habe ich mir doch grad noch die Ohren abgefroren bei den eisigen Temperaturen in Trogen, wo das Thermometer an einem Morgen minus 23° anzeigte und nun essen wir draussen bei knapp 20°. Und der menschliche Körper passt sich einfach an. Zwei Bilder stammen von meiner ersten und ganz wunderbaren Schneeschuhtour auf die Fähneren im Alpsteinmassiv. Um welche zwei es sich handelt dürfte unschwer zu erraten sein….(K)ein Traum! Allerdings ist es auch hier in Portugal nachts recht kalt. So kalt, dass unsere Kartoffeln dem Frost zum Opfer gefallen sind, resp. das Kraut und so konnten wir dennoch ein paar Minis ernten. Und Ibrahim setzt sich in der Früh seine Mütze auf, die er auch dann nicht abnimmt, wenn die Temperaturen auf gegen 20° steigen. Dafür hat es seit Wochen nicht mehr geregnet und heute mussten wir sogar wässern. Ansonsten haben wir einen Teil des Hauses erneut aus dem Dornröschenschlaf geweckt, denn, wie es bei Dogen’s Genjokoan im Blick auf die Menschlichkeit heisst: “Unkraut wächst, auch wenn wir es ausreissen”.
Ein weiterer, heiterer Unterschied: Werden in der CH Zugverspätungen schon ab ganz wenigen Minuten mit Entschuldigung angegeben, so sind wir hier froh, wenn der Zug überhaupt kommt, resp. das Flugzeug einigermassen pünktlich landet, was dieses Mal der Fall war, dafür hat es leider für das Gepäck nicht mehr gereicht. Man kann halt nicht alles haben.
Doch die grossen Gegensätze erleben wir mit Ibrahim. Er hat in den zwei Monaten, die er nun bei uns ist, gerade einmal für einen Tag Arbeit gefunden (abgesehen von den Zeiten, die er mit uns unterwegs ist). Auf einer Baustelle hat er dafür 30 Euro bekommen. Davon musste er 10 zu seiner Familie nach Guinea schicken, weil die Mutter krank war. Die Krankheit entpuppte sich als Geburt eines weiteren Kindes. Die Mutter von Ibrahim ist nach seinen Angaben 36 oder 39 Jahre alt und er hat ungefähr fünf Geschwister. Das Geld schickte er in einem gewöhnlichen Brief, da er so die Transferkosten sparen konnte. Offenbar ist es in Afrika oft so, dass derjenige, der Arbeit hat, seine Familie (dazu gehört sozusagen das ganze Dorf) unterstützen muss, selbst wenn “Arbeit haben” bedeutet, nur für einen Tag Lohn zu bekommen.
Wir haben uns entschieden, Ibrahim das Flugticket nach Hause zu bezahlen, weil er hier schlicht keine Zukunft hat und sein Bruder auch nicht mehr da ist. Am Liebsten würde er gleich nach Hause. Er will sich aber vorher noch einen Fotoapparat kaufen. Wie bitte? Einen Fotoapparat, gerade das, was er dringendst braucht. Mit welchem Geld? Weiss ich auch nicht.
Wir arbeiten auf jeden Fall nun wieder gemeinsam in Arroteia und rechnen ihm einfach einen guten Stundenlohn an für sein Ticket, denn Geld geben wir ihm nicht direkt, sonst kauft er sich tatsächlich an Stelle seines Tickets irgend etwas anderes. Das ist schwer nachzuvollziehen, aber wer kann es ihm verübeln? Er hat nichts und an seine Zukunft wagt er wohl kaum zu denken. Jeder Tag ist für ihn ungewiss. Da er sehr wenig spricht und noch weniger versteht, versuchen wir uns vorzustellen, was in ihm vorgehen könnte.
Ach ja, und Arroteia nimmt nun einen neuen Anlauf. Maria da Luz und Francisco unterstützen uns nun. Wer sich interessiert für ihre Art zu bauen, kann sich auf
www.betaoetaipa.pt schöne Bilder ihrer Projekte anschauen. Wir sind wieder etwas zuversichtlicher und wagen daran zu glauben, dass sich doch noch etwas tun könnte, bevor die nächste Inkarnation fällig wird, die ich ja sowieso nicht erlebe, weil es mich dann gar nicht mehr gibt. Gemäss Dogen’s oben genannten Text ist Feuerholz einfach nur Feuerholz, nicht mehr und nicht weniger. Seine Zukunft ist nicht Asche und es hat seinen Wert nicht in dem, was zukünftig aus ihm wird, sondern ist einfach Feuerholz. Und so freue ich mich, dass ich auch einfach der Marcel heute sein darf und es nicht erst werde, wenn wir Arroteia einmal realisiert haben. Und selbst wenn wir wieder scheitern sollten, so weiss ich seit dem schönen Gedanken von Thomas Alva Edison: “Ich bin nicht gescheitert, ich habe nur zehn Tausend Möglichkeiten gefunden, die nicht funktionieren.” In diesem Sinn sind wir, wie Picasso es sagt, nicht Suchende, sondern Find-ende. Womit ich für dieses Mal auch das Ende gefunden habe. Punkt.